ALLES ANDERE ALS EINE OCHSENTOUR

Der altbaierische Oxenweg im Wittelsbacher Land hat historische Wurzeln: Er war vom 15. bis zum 17. Jahrhundert ein Abschnitt der Triebrouten für ungarische Schlachtochsen.

Der steinerne Ox in Harthausen steht an der Stelle, an der beide Routen des Oxenwegs durch das Wittelsbacher Land zusammentreffen. / Florian Trykowski | CC-BY 4.0 international /

Nein, eine „Ochsentour“ ist der Weg von Augsburg bis Tödtenried sicher nicht. Im Gegenteil. Der altbaierische Oxenweg, der von der schwäbischen Bezirkshauptstadt durchs Wittelsbacher Land verläuft, ist eine Tour für‘s Auge ebenso für für‘s Gemüt. Sie verläuft von der Augsburger Innenstadt über Friedberg, Harthausen, Malzhausen, Adelzhausen und Heretshausen weiter nach Tödtenried, bevor der Weg ins Dachauer Land in Richtung Altomünster und Allershausen führt. Der Abschnitt war vom 15. bis ins 17. Jahrhundert hinein Teil der 600 Kilometer langen Fernverbindung in die Donauländer, früher im Volksmund als „Ochsengass“ bezeichnet.
Man kann und mag es sich vielleicht gar nicht mehr vorstellen: Zwischen 1350 und 1750 wurden Jahr für Jahr aus der ungarischen Tiefebene und aus Transsylvanien bis zu 200.000 Grauochsen nach Mitteleuropa getrieben, davon die Hälfte nach Süddeutschland, um den Fleischhunger vor allem der Bürger in den aufstrebenden Städten zu befriedigen, wie Autor Max Direktor auch für den historischen Reiseführer „Der Europäische Oxenweg damals und heute“ recherchierte. Dabei muss man sich diese langen „Trecks“ vor 500 Jahren wohl ähnlich vorstellen, wie wenn ortskundige und kampferprobte „Cowboys“ des Mittelalters und der Frühen Neuzeit über lange Wege und Pfade kreuz und quer durch Europa geführt hätten. Nur zur Erinnerung: Es gab keine Autobahnen und LKWs, keine Schienen und Züge und keine gut ausgebauten Straßen, geschweige denn Navigationssysteme, Wettervorhersagen, Telefone, Handys oder Internet. Es lag allein bei den Ochsentreibern, mit Regen und Sonne, unvorhersehbaren Ereignissen sowohl in Friedens- wie in Kriegszeiten über mehrere Wochen klarzukommen und Mast- und Ruheplätze, Futter und Tränke für die Tiere zu organisieren und vor Räubern und wilden Tieren, wenn nötig, mit Waffengewalt zu verteidigen. Ziel der ungarischen Viehtreiber, die sogenannten „Haiduken“, die mit Herden von ca. 400 Tieren quer durch das Habsburger Reich bis nach Bayern kamen, waren die Viehmärkte, die an festen Zeitpunkten im Jahr in München, Augsburg, Nürnberg oder Ulm stattfanden und die Tiere neue Besitzer fanden – ein logistische Glanzleistung der damaligen Zeit.

Das Fleisch der weißgrauen, groß gewachsenen Ochsen mit starkem Knochenbau galt zu Beginn des 16. Jahrhunderts zu den gefragtesten Nahrungsmitteln. Besonders bei der reichen Bürgerschicht in den Städten galt Ochsenfleisch zur damaligen Zeit als besondere Spezialität.

Die hiesigen Metzger kauften in Wien, im heutigen Ungarn und Polen auf den Habsburger Viehmärkten Schlachtochsen und ließen sie auf gemieteten Weiden im Lech-, Paar- und Ampertal tränken und mästen. Belegt ist, dass zwischen 1572 und 1583 jährlich rund 6.800 Ochsen nach Augsburg getrieben wurden – immer abseits größerer Ortschaften. Erst in der Zeit der Habsburger Kriege mit dem Osmanischen Reich zwischen 1670 und 1720 erlitt die große Nachfrage nach Ochsen im Bayerischen schwere Einbrüche, bevor der transeuropäische Ochsenhandel im 18. Jahrhundert ganz zum Erliegen kam.

Anders als die Seidenstraße, die Salzstraße oder die Bernsteinstraße geriet der Oxenweg in Vergessenheit. 2004 belebte der Wittelsbacher Land e.V. den Weg neu.

Erste Impulse, den historischen „Europäischen Oxenweg“ wieder bekannt zu machen, lieferte der Augsburger Historiker Dr. Hermann Volkmann vor knapp 20 Jahren. Obwohl der Ochsenhandel über Jahrhunderte hinweg einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor darstellte, war diese „Straße“ – anders als die Seiden- und Bernsteinstraße oder der Jakobsweg und die römischen Heeresstraßen – weitgehend in Vergessenheit geraten. Daher begann der Wittelsbacher Land e. V. 2004 mit der Wiederbelebung der historischen Route mit dem „Altbaierischen Oxenweg“ unter Beteiligung weiterer LEADER-Gruppen aus Deutschland, Österreich und Ungarn, bis der „Europäische Oxenweg“ entstanden ist.

Nach Augsburg sind zwei Routen in und durch Bayern belegt. Der eine Weg führte von Schärding übr Straubing, Langquaid, Neustadt an der Donau, Geisenfeld, Schrobenhausen, Kühbach, Aichach, Dasing und Friedberg nach Augsburg – die sogenannte „Paar-Route“. Die andere Strecke kam von Landshut, Freising, Allershausen, Petershausen, Altomünster oder über Zeitlbach nach Friedberg und von dort nach Augsburg. Bekannte Weideplätze für die Ochsenherden sind die Meringer Au bei Augsburg. Weitere Plätze gab es in Scherneck, Wemding oder im Ries.

Wer heute dem Altbaierischen Oxenweg folgt, hat verschiedene Möglichkeiten. Im Wittelsbacher Land führt eine 25 Kilometer lange Etappe von Tödtenried über Heretshausen, Adelzhausen, Malzhausen, Harthausen, Paar, Heimatshausen und Friedberg nach Augsburg. Eine zweite Strecke verbindet Hörzhausen und Harthausen (27 Kilometer). Weil sich auch das Schrobenhausener Land (18 Kilometer Wegstrecke von Hohenwart, Wangen, Waidhofen, Schrobenhausen bis Hörzhausen) und dach Dachauer Land mit 42 Kilometern Strecke von Hohenkammer, Petershausen, Weichs, Markt Indersdorf, Wagenried, Zeitlbach, Altomünster bis Tödtenried der Idee des Altbaierischen Oxenwegs angeschlossen haben, können heute insgesamt rund 112 Kilometer entlang der „Meilensteine“ und Informationstafeln des Oxenwegs erwandert oder erradelt werden.

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in der top schwaben Ausgabe Nr. 83