EIN GANZES DORF ENGAGIERT SICH GEMEINSAM

Einen Artikel mit einer Reihe von Zahlen zu beginnen, ist das nicht ein wenig einfallslos? Keineswegs, wenn die Zahlen so viel zu erzählen haben wie in dieser Geschichte aus dem Dorf Vorderburg im Allgäu.

Bernhard Weißenbach ist Vorsitzender der Dorfgemeinschaft Vorderburg e. V., ein Verein, bei dem mehr als die Hälfte der Einwohner engagiert ist. / Nicolas Felder Fotografie /

Etwa 500 Einwohner zählt der Ort, davon sind 264 Mitglieder im Verein „Dorfgemeinschaft Vorderburg e. V.“. Die Mitglieder sowie einige weitere Helferinnen und Helfer haben 21.200 ehrenamtliche Arbeitsstunden geleistet, um den Gasthof Hirsch zu sanieren. 3.250 Stunden Planung und insgesamt 613.379 Euro Investitionssumme stecken in dem Projekt. 193 Kubikmeter Bauholz wurden gespendet, 144 Fahrten zum Wertstoffhof waren nötig.

Das Gebäude liegt mitten im Ort direkt neben der Kirche und dem Pfarrhaus und ist in typischer Allgäuer Bauweise errichtet. Die Dorfgemeinschaft stellte den Gasthof mit der Stube, dem Nebenzimmer und der Schänke, den Biergarten, den Dorfsaal im ersten Stock, sowie die vier Gästezimmer und die Wirtewohnung wieder her. Zudem entstand ein Dorfladen in dem Haus. Fast alle Treppen und Türen, die Fußböden und Decken wurden erneuert und zahlreiche Möbelstücke angefertigt. Vor allem also das Können der Schreiner war gefragt.

2015 stand der Gasthof Hirsch vor dem mutmaßlichen Ende. Das heruntergekommene Gebäude wäre wahrscheinlich abgebrochen worden, hätten sich nicht engagierte Bürgerinnen und Bürger zusammengetan, um das Haus zu retten und das gesellschaftliche und gesellige Leben im Dorf zu erhalten. Um diese Ziele zu erreichen und die Möglichkeit zu nutzen, das Haus von der Vorbesitzerin, einer privaten Brauerei, zu erwerben, gründeten die Vorderburgerinnen und Vorderburger am 29. Dezember 2015 den Verein „Dorfgemeinschaft Vorderburg e. V.“. Die Mittel für den Kauf brachte die heimische Bevölkerung auf. Die Bürger zeichneten Bausteine im Wert von etwa 300.000 Euro. Darüber hinaus erhielt der Verein auch die Zusage, dass die zahlreichen Unterstützer ehrenamtliche Arbeit leisten würden, wenn das Projekt realisiert werde.

Das war dann im März 2016 soweit: Die Bauphase begann. Dass bei der Sanierung eines alten Hauses naturgemäß mehr Probleme auftreten können als bei der Errichtung eines Neubaus, erlebten die Helferinnen und Helfer täglich. Doch das Projekt kam gut voran, nicht zuletzt weil alle mit sehr viel Liebe bei der Arbeit waren und die gesamte Maßnahme als echte Herzensangelegenheit sahen. „Schließlich ging es um den Erhalt des Gemeinschaftslebens in unserem Dorf,“ darin sieht Bernhard Weißenbach, Vorsitzender der „Dorfgemeinschaft Vorderburg e. V.“ die Motivation der Beteiligten begründet, „jeden Samstag waren rund 35 Helferinnen und Helfer auf der Baustelle im Einsatz, die immer ein Mittagessen erhielten, für das immer ein Sponsor gefunden wurde.

Kaffee und Kuchen gab es ebenfalls. So kam trotz der konzentrierten und umfangreichen Arbeit auch die Geselligkeit nicht zu kurz. Wer Zeit hatte, half auch unter der Woche mit. Es war von allen Beteiligten ein beispielloser Kraftakt, ein unvergessliches Gemeinschaftserlebnis, bis zur Fertigstellung im Mai 2017.“

Das Engagement des Vereins blieb landesweit nicht unbeachtet

Das Engagement des Vereins blieb landesweit nicht unbemerkt: Der Radiosender Bayern 2 war zu Gast in Vorderburg und verlieh der „Dorfgemeinschaft“ im Rahmen des Hörer-Wettbewerbs „Gutes Beispiel“ im Jahr 2018 den 1. Preis, verbunden mit einer Prämie in Höhe von 7.500 Euro. Auch der mit 10.000 Euro dotierte Architekturpreis des Bezirks Schwaben ging nach Vorderburg. Bei der Preisvergabe war die detailgetreue Renovierung des Hauses im heimischen Allgäuer Baustil mit entscheidend. „Wir haben 70.328 Schindeln aus regionalem Fichtenholz für die Verkleidung der Fassade verarbeitet,“ hat Bernhard Weißenbach die passende Zahl parat, „in einem echten Familienprojekt haben Großeltern, Eltern und Kinder zusammengearbeitet und die Schindeln vorgenagelt.“

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in der top schwaben Ausgabe Nr. 84