Wenn viele Akteure am selben Ende des Strangs ziehen, entwickelt sich eine Menge Kraft. Das gilt im Sport ebenso wie für die Stadtkultur. Die 48.000 Einwohner-Stadt Kaufbeuren zeigt eindrucksvoll, wie eine bunt gemischte Kulturszene die Stadt lebendig macht.

Das Gezeter war groß, als Ende März in Augsburg die erste „Lange Einkaufsnacht“ zu Ende ging. Erstmals seit einiger Zeit startete der Augsburger Handel ohne größeres Rahmenprogramm, dafür aber mit großen Erwartungen in den Abend. Man wollte auch ohne begleitende Lichtershow und Musikbühnen zeigen, dass Augsburg als attraktiver Einkaufsort allein mit seinen Geschäften und interessantem Warenangebot die Menschen aus der Stadt und dem Umland in die City bringen könne. Ein schwieriges Unterfangen. Denn im Gegensatz zu kulturumrahmten Events wie den „Augsburger Sommernächten“, „La Strada“ oder den „Light Nights“ kam kaum zusätzliches Publikum in die Stadt, die erhoffte Kundenfrequenz blieb aus – ein deutlich sichtbares, spürbares und auch messbares Ergebnis, das zeigt, wie Kulturangebote eine Stadt bereichern können.
Ortswechsel: Kaufbeuren mit seinen rund 48.000 Einwohnern ist nicht gerade durch sprudelnde städtische Finanzen beglückt. Ganz im Gegenteil. Der Freistaat Bayern ist gezwungen, der Wertachstadt Stabilisierungshilfen zu überweisen, damit der städtische Haushalt im Lot bleibt. Ein Szenario, das die Rahmenbedingungen für Kultur in der Stadt deutlich einschränkt. Und doch ist Kaufbeuren dafür bekannt, über das Jahr hinweg mit kleinen und großen Veranstaltungen immer wieder der Kultur eine Bühne zu bieten. Wie ist das möglich?
„Bei uns in der Stadt hat sich über die Jahre etwas entwickelt“, sagt Günther Pietsch, der in Kaufbeuren die Kunst- und Kulturförderung leitet. Traditionen wie das Tänzelfest, neuere Versuche wie die „ARTigen Samstage“, die heuer erstmals „ARTiger Sommer“ heißen, das „Altstadtfunkeln“ oder der „Altstadtsommer“ bringen bei Publikumsveranstaltungen Leben in die Stadt und stärken den Handel, in der auch die LGBTQIA+-Community eine Rolle spielt. „AllgäuPride“ wird bereits zum fünften Mal in einer Kombination aus kulturellen und gesellschaftlichen Einzelveranstaltungen mit Lesungen, kleinen Konzerten, Spieleabenden zu den Themen Prävention, Gesundheit oder Gleichberechtigung veranstaltet und hat seine Keimzelle in Kaufbeuren. „Natürlich gab es da zu Anfang jede Menge Skepsis“, erinnert sich Pietsch zurück an die ersten Kontakte, als man sich die Frage stellte, „was denn da alles für Leute kämen.“ „Das ist heute keine Diskussion mehr“ – eine Entwicklung, die Günther Pietsch freut. „Die Kulturszene lebt. Altes stirbt, vieles verjüngt sich, komplett Neues entsteht“, stellt er mit Blick auf die letzten 20 Jahre seiner Tätigkeit als Kaufbeurens „Kulturmanager“ fest. „Meine Überzeugung ist, dass Kultur ein Spiegel der Gesellschaft ist. All die Ausdrucksformen, die die Kultur für sich findet, spiegelt die Gesellschaft wider. Nicht umgekehrt, in der eine obrigkeitlich verordnete Kultur unsere Gesellschaft prägt“, beschreibt Pietsch, warum Kultur gefördert und unterstützt werden müsse: damit Menschen sich Betätigungsfelder suchen, in denen sie sich ausdrücken können.
„All die Ausdrucksformen, die Kultur für sich findet, spiegelt die Gesellschaft wider. Nicht umgekehrt.
Kultur sichtbar zu machen ist ein Kraftakt für jede Kommune. Das ist in Augsburg mit seinen mehr als 300.000 Einwohnern nicht anders als in Oettingen, der mit etwas über 5.000 Einwohnern kleinsten Stadt Bayerisch-Schwabens. Dass es in einer mittelgroßen Stadt wie Kaufbeuren gut klappt, ein lebendiges kulturelles Leben wahrnehmbar ins Stadtbild zu bringen, erfordert langen Atem und die Bereitschaft, auch Misserfolge wegstecken zu können. „Kultur ist kein Selbstläufer“, sinniert Günther Pietsch auch über die heutige Zeit und ihre Zwänge: „Wir arbeiten mit Steuergeldern. Da ist es klar, dass man unter besonderer öffentlicher Beobachtung steht. Dennoch braucht es immer etwas Mut, wenn man etwas Neues wagt.“ Umso mehr ist Pietsch froh, dass er seit 2004 mit Stefan Bosse einen Oberbürgermeister im Rücken hat, der in seiner mittlerweile mehr als 20-jährigen Amtszeit immer bereit war, neuen Ideen Raum zu geben und diese auch vor dem Stadtrat zu vertreten – der im Übrigen in Sachen Stadtkultur am selben Strang zieht. „Manche Unternehmungen brauchen eben ein bisschen Risikobereitschaft, auch vom OB“, sagt Pietsch, der die Überzeugung vertritt, dass es für ein lebendiges Kulturangebot in der Stadt notwendig ist, immer wieder einmal neue Dinge auszuprobieren – und nicht von vornherein zu beerdigen: „Wenn es schief geht, müssen wir eben nachsteuern.“

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in der top schwaben Ausgabe Nr. 92
