„ICH HABE DEN TEUFEL GESEHEN“

Der vor 100 Jahren geborene Erich Paulicke überlebte Hungerkost und Patientenmord. Dann schuf er beeindruckende Kunstwerke. In Kloster Irsee sind sie jetzt zu sehen.

Das große Altarbild von Erich Paulicke ist St. Nikolai in Lüneburg nachempfunden. / Martin Zurek /

Der 2007 verstorbene Erich Paulicke war der letzte Überlebende von etwa 800 während der NS-Zeit deportierten Bewohnerinnen und Bewohnern der Rotenburger Anstalten (heute: Rotenburger Werke der Inneren Mission) in Niedersachsen. Ihr Heim wurde 1941 zugunsten eines Krankenhauses für die Stadt Bremen aufgelöst. Von etwa 550 Personen wissen wir, dass sie an verschiedenen Verlegungsorten auf unterschiedliche Weise zu Tode kamen. 230 kamen nach Bayerisch-Schwaben.

Rückblende: „Im ersten Lebensjahr machte er [die] englische Krankheit [Rachitis] durch. Er lernte spät gehen und nie ordentlich sprechen“, berichtet der Arzt, der im Januar 1934 die Einweisung von Erich Paulicke in die Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt Langenhagen (Region Hannover) veranlasste. Darüber hinaus konstatiert er „angeborenen Schwachsinn höheren Grades“ und hält fest: „Inwieweit er bildungsfähig ist, kann nicht ohne längere Beobachtung entschieden werden, anstaltsbedürftig ist er zweifellos.“

 

„Anstaltsbedürftig“

 

Der damals 7-Jährige ist offensichtlich ein vernachlässigtes Kind. Er kann sich nicht alleine an- und auskleiden oder waschen, kann Farben und Zahlen nicht unterscheiden. Seine Mutter ist zu diesem Zeitpunkt bereits seit anderthalb Jahren in stationärer Behandlung. Seinen Vater hält die Fürsorgeschwester für einen „haltlosen Psychopathen“, der sich nicht um das Kind kümmere. Dass er auch gewalttätig ist, erwähnt sie nicht.

In Langenhagen besucht Erich die Hilfsschule. Er macht Fortschritte im Sozialverhalten, aber Lernen kann er nicht gut. Im August 1937 wird er ohne Schulabschluss ausgeschult, im März 1938 in den Rotenburger Anstalten aufgenommen. Im Dezember heißt es über den 12-Jährigen: „Hat sich gut eingelebt. Er hält sich sauber und besorgt sich selbst. Hilft mit auf der Station beim aus- und anziehen der anderen Kranken. Muß aber zur Arbeit angehalten werden. Im Wesen verträglich und friedlich, macht keine besonderen Schwierigkeiten. Zu irgendeiner Ausbildung ist er nicht fähig.“

In Rotenburg findet Erich Freunde, so den fast gleichaltrigen Helmut, mit dem zusammen er „dumme Streiche ausführt“. Beide werden am 3. Oktober 1941 in die Heil- und Pflegeanstalt Günzburg verlegt. Als Kriegsmaßnahme wurden die Rotenburger Anstalten für die Einrichtung eines Lazaretts geräumt. Zu diesem Zeitpunkt ist Erich 15 Jahre alt. In Günzburg geht es ihm gut: „Ein ordentlicher, zeitweise nach Bubenart etwas lebhafter Schwachsinniger. Immer freundlich und willig. In der Schusterei ein ganz gut brauchbarer Arbeiter.“

 

Verlegung kommt Todesurteil gleich

 

Ihr Aufenthalt endet bereits nach zwei Jahren, als die Anstalt Günzburg zu einem Ausweichkrankenhaus für den Großraum Augsburg umfunktioniert wird. Am 16. November 1943 treffen beide, nun 17- bzw. 18-jährig, in Kaufbeuren ein. Zu diesem Zeitpunkt ist die Heil- und Pflegeanstalt bereits hoffnungslos überbelegt. Und es gilt der bayerische Hungerkosterlass: Patientinnen und Patienten, die als nicht arbeitsfähig eingestuft werden, erhalten eine extrem kalorienarme „Diät“, mit der man sie verhungern lässt.

Anfang 1944 bricht der Kontakt zu seinem Freund Helmut Ficken ab, weil dieser in die Zweiganstalt Irsee verlegt und dort am 10. Mai 1944 getötet wird. Im Januar 1945 wird auch Erich Paulicke in den Anstaltsteil Irsee verlegt. Das kommt einem Todesurteil gleich: Erich Paulicke erhält die berüchtigte „E-Kost“, er nennt sie „Wassersuppe“. Trotzdem ist der Eintrag in der Krankenakte am 10. März recht positiv: „Ist wieder verhältnismäßig gut beisammen, immer heiter, oft froh, aber im Ganzen doch kindlich-gutmütig.“ Nur vier Tage später, am 14. März 1945, wird ein Telegramm an den Vater geschickt: „Sohn Erich lebensgefährlich erkrankt / bei Ableben Einäscherung / wenn einverstanden Drahtzustimmung.“ Wie in vielen anderen Fällen, ist ein solches Telegramm das untrügliche Zeichen, dass der 18-Jährige mit einer Überdosierung an Medikamenten ermordet werden soll. Doch Erich Paulicke überlebt. Warum? Wir wissen es nicht.

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in der top schwaben Ausgabe Nr. 92